Beschreibung und Bau

stephansdom-7Das Äußere
Südturm

Dach und Turm des Stephansdoms in der Abendsonne
Der Südturm ist als Hauptturm 136,4 Meter hoch und hat einen quadratischen Grundriss, der durch ein raffiniertes Arrangement von Giebeln allmählich in ein Achteck übergeführt wird. Unterhalb der Spitze ragen zwölf Fialtürmchen empor. Bis auf eine Höhe von 72 Metern ist er für die Öffentlichkeit zugänglich, dort befindet sich die sogenannte Türmerstube. Das Besteigen der Turmspitze ist nur Mitarbeitern des Dombauamtes vorbehalten. Der Dombaumeister persönlich seilt sich mindestens ein Mal pro Jahr von der Spitze des Turmes ab, um die Bausubstanz zu kontrollieren.

Der südliche Hochturm von St. Stephan kann als eine der monumentalsten Lösungen, die im Mittelalter vollendet wurden, gelten.[11] Er verbindet sich nicht mit dem Kirchenbau (wie beim Kölner Dom als Zweiturmfassade, am Ulmer Münster als Westeinturm oder am Mailänder Dom als Vierungsturm), um seine Baumasse in einem zentralen Aufsatz kulminieren zu lassen, sondern ist ihm als ein zusätzliches Element seitlich angefügt. Die Sonderstellung des Wiener Turms verdeutlicht sich heute noch dadurch, dass sein nördliches Gegenstück nur mehr teilweise zur Ausführung kam und daher in der Gesamterscheinung des Bauwerks nicht mitspricht, ohne dass der Eindruck des Unvollendeten aufkommen müsste. Die Turmspitze wird heute durch ein von einem Doppeladler getragenes Doppelkreuz (Erzbischofskreuz) gebildet. Ursprünglich hatte die Turmspitze eine Bekrönung, die Sonne und Mond (für die geistliche und die weltliche Macht) darstellte. Nach der Türkenbelagerung 1529 verlangten Wiener Bürger 1530, diese Symbole zu ersetzen, da sie zu sehr an die türkischen Zeichen (Stern und Halbmond) erinnerten. Zu einem Austausch kam es allerdings erst 1686.[12]

Die Gesamtdauer der knapp fünfundsiebzigjährigen Bauzeit des Turmes, die zwischenzeitliche Planänderungen wahrscheinlich macht, wird durch die überlieferten Eckdaten festgelegt, welche die Grundsteinlegung von 1359 durch Rudolf IV. und das Versetzen der abschließenden Kreuzblume für 1433 angeben.

Dazwischen liegt ein Planwechsel, der zunächst die Einführung des Doppelfenstergeschosses und dann dessen Reduktion bewirkte. Dieses war in der ersten Konzeption erheblich bis über die Traufhöhe hinaufgeführt worden, wurde dann aber wieder bis knapp oberhalb der Fensterscheitel reduziert, so dass die bereits ausgeführte Wanddekoration mit Fialenbaldachinen für die hier vorgesehenen Statuen verlorenging. Der gesamte Turmbereich oberhalb der Traufhöhe des Kirchbaus wurde gänzlich nach dem Konzept des Peter von Prachatitz errichtet und stellte keine Rückkehr zu einem vermeintlichen Erstplan dar. Aber selbst hier noch lassen sich zwischen den einzelnen Geschoßabschnitten weitere Plankorrekturen feststellen, die vor allem im Übergang zum Helmbereich mit dem überlieferten Meisterwechsel von Peter zu Hans von Prachatitz zusammenfallen.

Die entscheidende Planänderung zwischen Unterbau und Freigeschossen betraf zugleich die Bestimmung des Turms als gemeinschaftsstiftendes Zeichen. Begonnen von Rudolf IV. und fortgeführt von seinen Brüdern, hatte der Turm ausschließlich als kommemoratives Denkmal des Stifters dienen sollen, doch mit der Übernahme durch die Stadt zu Beginn des 15. Jahrhunderts stand er nicht mehr für Partikularinteressen, sondern für den Zusammenhalt aller Gruppen der Gesellschaft unter habsburgischer Krone. Zu demselben Zeitpunkt, als aufgrund der hussitischen Unruhen in Böhmen der südliche Hochturm des Prager Veitsdomes unvollendet liegenblieb, gelang in Wien die Fertigstellung eines Turmbaus mit einem ständig erhöhten Anspruch. Der vollendete Turmbau gab durch seine beherrschende Stellung unmissverständlich zu erkennen, dass Wien inzwischen in architektonischer Hinsicht an die Stelle Prags getreten war, aber auch bereit war, dessen Funktion als „des reiches houptstat“ zu übernehmen.[13]

Dach
Am auffälligsten neben den Türmen ist das Dach. Es erhebt sich 37,5 Meter über dem Langhaus und 25,3 Meter über dem Chor mit einer Länge von 110 Meter. Es ist mit rund 230.000 Dachziegeln bedeckt, die in einem Zickzack-Muster arrangiert sind und in insgesamt zehn Farbtönen von den Ziegelbrennereien in Poštorná (Mähren, heute Ortsteil von Břeclav) hergestellt wurden.

Über dem Chor ist auf der Südseite das Wappen des k.u.k. Doppeladlers mit den Initialen von Kaiser Franz I. und der Jahreszahl 1831, auf der Nordseite das Wappen der Stadt Wien und das Wappen der Republik Österreich, unten mit der Jahreszahl 1950.

Tore

Das Riesentor

Ansicht des Westwerks mit den Heidentürmen
Das Hauptportal auf der Westseite (das sogenannte Riesentor) ist noch romanisch. Es befindet sich innerhalb eines trichterförmigen Portals, das nachträglich zum Platz hin erweitert wurde. In ihm sind Relieffiguren eingelassen, unter anderem der Dornauszieher, eine sitzende Figur in eigenartiger Haltung, die einen Richter darstellt.

Das Portal selbst wird auf jeder Seite mit sieben trichterförmigen Säulen begrenzt, die mit gewundenen Pflanzenmustern geschmückt sind. Auf den Kapitellen befinden sich Figuren von Aposteln und Heiligen, aber teils auch schwer deutbare Szenen. Über den Kapitellen erheben sich andere Säulen, die das Tympanonfeld begrenzen. Auf ihm ist eine Darstellung eines Christus Pantokrator (Christus als Weltenherrscher) zu sehen, bei der ein Knie frei ist – diese Symbolik ist unklar und wird mit Aufnahmezermonien in Bauhütten in Verbindung gebracht.
Laibung und Tympanon des Riesentores

Gewände und Kapitelle des Riesentores
Seitlich sind das Singer- und das Bischofstor, zwei gotische Meisterwerke: Sie sind in einem Spitzbogen arrangiert und im Gewände stehen Apostelfiguren. In der Mitte sind Statuen von Herzog Rudolf IV. und seiner Frau Katharina von Böhmen. Im Tympanonfeld ist im Singertor die Lebensgeschichte des heiligen Paulus und im Bischofstor die Lebensgeschichte der heiligen Maria festgehalten. Gleich neben dem Singertor liegt das angebliche Grabmal des Minnesängers Neidhart.

Auch bei den Türmen gibt es Seiteneingänge, im Norden das Adlertor, benannt nach einem einst auf der Kuppel des Nordturms angebrachten Adler, sowie im Süden das Primglöckleintor, so genannt, weil hier einst zur ersten Hore, also zur Prim, geläutet wurde.

Weitere Merkmale
Auf der Westseite sind die denkmalgeschützten Zeichen der Widerstandsbewegung O5 zu sehen, die 1938 bis 1945 Widerstand gegen den Nationalsozialismus leistete. Ursprünglich waren sie in weißer Farbe aufgemalt; als sie verblassten, hat man sie durch die Eingravierung ersetzt.

Auf der linken Seite des Haupttores sind zwei Metallstäbe in der Mauer eingelassen, es handelt sich hierbei um die Tuch- und Leinenelle. Diese Ellen waren einst rechtsgültige Längenmaße und konnten von jedem Bürger zur Überprüfung der Abmessungen von Waren genutzt werden. Im Mittelalter drohte Handwerkern Bestrafung, wenn ihre Produkte nicht die korrekten Maße vorweisen konnten (Stichwort: Bäckerschupfen), mit Hilfe der Ellen konnten sich somit die Handwerker vor Bestrafung und die Konsumenten vor etwaigem Betrug schützen. Links über den Ellen befindet sich eine kreisrunde Vertiefung im Mauerwerk, die der Legende nach als Maß für die Größe eines Laibes Brot diente. In Wahrheit handelt es sich lediglich um Abnutzungserscheinungen einer Torbefestigung, da das Haupttor des Doms bis zur zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit einem Rokokogitter verschlossen war, das sich nach außen hin öffnen ließ und mit Haken an der Außenmauer befestigt wurde. Auf der rechten Seite des Tores befindet sich ein gleich großer Kreis, bei dem man anhand von metallischen Überresten im Zentrum erkennen kann, dass hier ein Haken befestigt war.[14][15] Am südlichen Strebepfeiler des Chors (über dem kleinen Weihwasserbecken von 1506) ist eine vertikale Sonnenuhr von Georg von Peuerbach aus dem Jahre 1451 zu finden. Sie gilt als die älteste Sonnenuhr Wiens.

Achsknick
Die Südwand des Chores ist um ca. 70 cm länger als dessen Nordwand. Der Chor schwenkt ca. 1° von der Längsachse des Langhauses Richtung Norden. Langhaus und Chor sind auf unterschiedliche Sonnenaufgangspunkte ausgerichtet. Das wird nicht als Resultat eines Messfehlers, sondern als Absicht gesehen: Die Achse des Langhauses ist auf den Sonnenaufgang am Stephanstag (26. Dezember) ausgerichtet, während die Achse des Chors auf den nächstfolgenden Sonntag weist, den 2. Jänner. Aus dem Verhältnis der Gebäudeachsen und des Winkels der Abweichung kann auf die Zeit der Abmessungen und damit auf den Jahreswechsel 1137/1138 (heutiger Kalender und Jahreszählung) geschlossen werden.[16] [17] Der (heutige) Dachfirst bildet diese kleine Abweichung nicht ab, er ist gerade über beide Gebäudeteile.[18]

Auer und Mannersdorfer Stein für den Stephansdom
Die erhalten gebliebenen Rechnungen des Kirchenmeisteramtes[19] bezeugen die enormen Auer[20] und Mannersdorfer[21] Steinlieferungen für St. Stephan nachweislich in den Jahren 1404, 1407, 1415–1417, 1420, 1422, 1426, 1427, 1429, 1430 und 1476. Die Steinmengen, die aus den Brüchen zwischen Mannersdorf und Au am Leithagebirge bezogen wurden, sind nach den Rechnungen sehr groß, z. B. im Jahre 1415: 732 Stück, 1416: 629 Stück, 1417: 896 Stück, 1426: 963 Fuhren, 1427: 947 Fuhren und 1430: 761 Fuhren.

Der Steinkauf erfolgte durch das Kirchenmeisteramt unter der fachlichen Beratung und Kontrolle des Dombaumeisters, bzw. seines Vertreters, des Parliers. Jedenfalls standen die Arbeiten in den Brüchen unter Aufsicht der Dombauhütte. Bekannt sind einige Namen der „Auer Steinbrecher“: Michelen Unger von Au, Peter stainprecher von Au und „Mannersdorfer Steinbrecher“: Chrempel, Amman, Niklas, Sallmann, Uchsenpaur, Velib, Hannsen von Menhersdorf (Mannersdorf), Trunkel und von dem Perendorffer. Die Steine wurden mit Pferdewagen zugeführt. Die Fuhren vom Leithagebirge aus Mannersdorf und Au umfassen jeweils nur einen Block („stuk“), bei dem der Preis für das Brechen gleichbleibend war, jener für die Fracht aber schwankte, offenbar nach Gewicht.

Der vollkommene Wechsel zum Mannersdorfer Gestein tritt mit dem Bau des Albertinischen Chores (1304–1340) ein. Der „Mannersdorfer ist wie der Auerstein“ ein fein- bis mittelkörniger Kalksandstein. Aus ihm besteht die Mehrzahl der Wandquader und alle Profilierungen einschließlich der Figurenkonsolen im Chore. Besonders deutlich sind die Verhältnisse beim Hochturm in der großen Glockenstube, wo die anspruchsvolleren Ortssteine und Eckpfeiler und alle feineren Profilierungen, Fenstergewände, Maßwerke usw. dem Mannersdorfer/Auerstein aus dem Leithagebirge vorbehalten blieben. Im Langhaus sind Quader in den Mauern, sowie die an die Eligiuskapelle anschließenden Joche und vor allem die nördlichen Wandpfeiler aus „Mannersdorfer“ gefertigt.

Neben dem Mannersdorfer Sandstein kam auch der Mannersdorfer Algenkalk am Altbestand des Doms zum Einsatz. Nachweisbar sind einige Wasserspeier, z.B. an der Vorhalle des Singertores (1440–1450).

Haltbarkeit der Steine
Alois Kieslinger, Geologe der Technischen Hochschule Wien, merkte 1930 zur Frage der Haltbarkeit des Natursteines kritisch an: „Die sechs ‚alten‘ Kirchen von Wien? Und wie viel ist denn alt davon? Wir sind gerade daran, bei St. Stephan den zwölften Turmhelm [!] auszubessern.“[22]

Das Innere

Das Mittelschiff des Doms
Das Langhaus des Doms ist dreischiffig, was ihn als Stadtpfarrkirche ausweist. Das Hauptschiff ist auf den Hauptaltar ausgerichtet, das linke Seitenschiff hat ein Marienprogramm, das rechte Seitenschiff ist den Aposteln gewidmet.

Obwohl das Innere sein Aussehen im Mittelalter erhielt, ist das ursprüngliche künstlerische und liturgische Ensemble aus der Zeit nur noch lückenhaft vorhanden, da der Bau während des Barocks nochmal umfassend verändert wurde. Die Gnadenfigur der sogenannten Dienstbotenmuttergottes aus der Zeit zwischen 1280 und 1320 ist ein Original aus der Zeit.